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Die Jury lobte die Erzählung des deutschen Preisträgers “Widerfahrnis” als “vielschichtigen Text”. Auch zwei Österreicher waren nominiert gewesen.
17.10.2016 | 21:30 |  Von Anne-Catherine Simon
( Die Presse )
Oft hat man den Eindruck, als würden Buchpreis-Jurys ihre Auswahl treffen wie Kunden eines Kleidergeschäftes, die für einen anstehenden Anlass etwas Passendes suchen – sie stellen sich im Geist den Zeitgeist vor und welche Buchseiten ihn wohl am besten kleiden würden. Aber manchmal passiert das Unerwartete ja doch, und eine Buchpreisjury kürt einfach nur gute Literatur. Auch wenn sie einmal gar nicht „fesch“ daherkommt.
Anders ist es kaum zu erklären, warum der Deutsche Buchpreis heuer, im zwölften Jahr seines Bestehens, an Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ geht. Ein Buch, das nicht nur einen provozierend altertümlichen Titel hat, sondern auch noch als „Novelle“ daherkommt. Zwei Menschen, die einander kaum kennen, der ältere Verleger Reither und seine Zufallsbekanntschaft Leonie Palm, beschließen ganz spontan einen Ausflug, der zur Reise wird: in den Süden, nach Italien, in eine neue Liebe, einen Neubeginn. Bei Hölderlin hängt an der „Hälfte des Lebens“, im gleichnamigen Gedicht, „mit gelben Birnen und voll mit wilden Rosen das Land in den See“; an diese Stimmung der (schon überschrittenen) Lebenshälfte erinnert die Geschichte des 68-jährigen deutschen Autors einer beginnenden Zweisamkeit; sie bezaubert durch ihre Zartheit, (auch stilistische) Reife, den Unterton von Hoffnung und die leicht gehaltene Ernsthaftigkeit.
Reither und Leonie Palm stoßen auf ihrer träumerischen Autofahrt auch auf die harten Seiten der Gegenwart, sie lesen ein verwaistes Kind auf und kommen mit Menschen zusammen, die nicht aus Sehnsucht von Norden nach Süden, sondern aus Not von Süden nach Norden streben. Kirchhoff nutzt die Flüchtlingsfrage nicht ansatzweise, um seinen Roman mit Aktualität aufzumotzen, sondern um die menschlichen Fragen seiner Protagonisten zu vertiefen.
„Widerfahrnis“ sei „ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“, hat die Jury ihre Wahl begründet. 25.000 Euro erhält Kirchhoff, und viel Publicity – der Deutsche Buchpreis, der vom Börsenverein des deutschen Buchhandels vergeben wird, hat sich längst zum medienwirksamsten Preis am deutschsprachigen Buchmarkt entwickelt. Im Rennen um den „besten deutschsprachigen Roman des Jahres“ waren zuletzt, auf der Shortlist aus sechs Favoriten, auch zwei Romane von österreichischen Autoren: Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“ sowie Eva Schmidts „Ein langes Jahr“.
Bodo Kirchhoff (68), geboren in Hamburg, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Seine frühen Werke spielen oft im Rotlicht-Milieu. Sein bekanntestes Buch ist “Parlando”. 2012 war er schon einmal für den Buchpreis nominiert.
(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.10.2016)

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