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Bei einer Razzia in Georgensgmünd in Bayern hat ein Anhänger der rechtsextremen sogenannten Reichsbürger auf Polizisten geschossen. Dabei seien vier der Beamten zum Teil schwer verletzt worden, teilte das Polizeipräsidium Mittelfranken mit. Der 49 Jahre alte “Reichsbürger” wurde demnach leicht verletzt und festgenommen.
Laut Polizei hatte das Landratsamt Roth eine Durchsuchung bei dem Mann angeordnet, um Waffen, die er legal besaß, wegen Unzuverlässigkeit des 49-Jährigen sicherzustellen. Spezialkräfte der Polizei hätten den Einsatz begleitet. Der Mann habe sofort das Feuer auf die Beamten eröffnet. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) fuhr nach Roth, er wollte im Laufe des Vormittages über die Ermittlungen informieren.
Die “Reichsbürger” erkennen die Bundesrepublik nicht an, sie sind stattdessen überzeugt, dass das Deutsche Reich noch immer existiere, denn die Bundesrepublik sei kein legitimer Rechtsnachfolger. Deutschland habe auch nie vor den Alliierten kapituliert, sondern nur einen Waffenstillstand geschlossen und sei bis heute von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges besetzt; die Bundesrepublik sei daher lediglich eine GmbH, um das Land zu verwalten und seine Bürger auszubeuten. Schlussfolgerung der Anhänger: Sie seien noch immer Bürger des Deutschen Reiches, wahlweise in den Grenzen von 1871 oder 1937.
Bereits Ende August hatte ein “Reichsbürger” bei einer Zwangsräumung in Sachsen-Anhalt um sich geschossen und zwei Polizisten verletzt. In Rostock wollte sich im April ein Reichsbürger einer aus seiner Sicht illegitimen Verkehrskontrolle entziehen. Er gab Gas und fuhr den vor seinem Auto stehenden Polizisten um. Der Beamte wurde mitgeschleift und verletzt.
Als Ursprung der Bewegung wird häufig Wolfgang Ebel gesehen, ein Fahrdienstleiter der Berliner S-Bahn, der dort 1985 die Kommissarische Reichsregierung (KRR) gründete. Ebel schuf die erste Organisation der Szene. Die Ideen aber sind älter und nicht von ihm. Sie stammen von Rechtsradikalen. Menschen wie der Rechtsterrorist Manfred Roeder und der Holocaustleugner und Volksverhetzer Horst Mahler haben sich die meisten der Theorien und Versatzstücke ausgedacht, mit denen Reichsbürger bis heute hantieren. “Reichsbürger wurzeln vom Denken her im Rechtsradikalismus”, sagt Michael Hüllen, der sich beim Brandenburger Verfassungsschutz mit Rechten und auch mit Reichsbürgern beschäftigt. “Ihre Ideologien sind die Domäne der Rechten. ”
Hüllen sieht drei Untergruppen in der Szene: Erstens die Staatsverdrossenen, die einen Kanal für ihren Frust und ihre Probleme suchen. Zweitens die Milieumanager, die einerseits Geld mit Fantasiedokumenten Geld verdienen, andererseits aber auch den Staat destabilisieren wollen. Und drittens die politisch Bewegten, die aktiv an der Abschaffung der Demokratie arbeiten.
Allerdings ist die Szene zerstritten. Es gibt viele Leute, die mal dieser, mal jener Reichsregierung angehören. Es genügt, sich den entsprechenden Ausweis zu kaufen. Beim “Freistaat Preußen” zum Beispiel gibt es den für 35 Euro.
Das Brandenburger Landeskriminalamt hat unlängst zum ersten Mal eine Statistik zur Struktur der Szene in seinem Bundesland erstellt. Basis waren 220 Vorfälle, bei denen Reichsbürger zwischen 2012 und 2016 an die Behörden gerieten. Knapp 83 Prozent der Beteiligten waren Männer, das Durchschnittsalter betrug 52 Jahre. Im Vergleich zur Kriminalität insgesamt und auch zur rechten Szene waren damit erstaunlich viele Frauen darunter. 
Wie groß die Szene in Deutschland ist, lässt sich kaum sagen. Nur wenige Gruppen sind groß und organisiert genug, um irgendeine Wirkung zu entfalten. Viele Reichsbürger sind allein unterwegs, als sogenannte Selbstverwalter. Nach Recherchen von ZEIT ONLINE zählt das Innenministerium in Brandenburg 190 bis 200 Reichsbürger, davon etwa 20 radikale, Thüringen kennt “mehrere Hundert”, Hessen und Schleswig-Holstein meldeten eine Zahl “im unteren zweistelligen Bereich”, Sachsen-Anhalt 60 bis 70, “davon weniger als 20 rechtsextremistisch”. Andere Innenministerien haben gar keine Informationen.

© Source: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/georgensgmuend-razzia-wohnungsdurchsuchung-schuesse-polizisten
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