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Die Stadt Frankfurt, wo sie nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Zuhause fand, verlieh Simonsohn am Sonntag in der Paulskirche die Ehrenbürgerwürde als erster Frau überhaupt. Die bisherigen 26 Ehrenbürger sind durchweg Männer.
Simonsohn betonte in ihrer Rede ihre Verbundenheit zu Frankfurt. “In Frankfurt und Umgebung hören die Menschen, vor allem viele junge Menschen, mir zu. Sie verstehen mein Schicksal – und sie zeigen Zivilcourage gegen Unmenschlichkeit heute. ”
Sie dankte allen, die Zivilcourage zeigten. In Erinnerung an ihre persönliche Geschichte sagte Simonsohn: “Ich habe Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Ich kann die Flüchtlinge von heute sehr gut verstehen. ”
Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) erklärte bei der Verleihung, die 95-Jährige stehe wie keine andere Persönlichkeit in Frankfurt für “Humanität, Aufklärung und eine kämpferische demokratische Gesinnung”.
Simonsohn berichtet seit 1975 in Schulen und Universitäten über ihre Deportation in die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz. “Welch ein Glück für unsere Stadt, dass sie nach Frankfurt gekommen ist”, sagte Feldmann.
Im Gespräch mit dem hr hatte Simonsohn zuvor gesagt: “Ich habe kein Talent – zum Hassen. ” Das ist ihre Antwort auf die immer wiederkehrende Frage, wie sie das nur aushalten könne, im Land zu leben, in dem ihre Eltern und viele Freunde in Konzentrationslagern umgebracht wurden.
Die Stadt Frankfurt kann Personen, die um die Stadt besondere Verdienste erworben haben, das Ehrenbürgerrecht auf Lebenszeit verleihen. Es handelt sich dabei um die höchste Auszeichnung, die die Kultur- und Bankenstadt am Main seit 1795 vergibt.
Ob sie an Gott glaubt? “Ja, sicher”, antwortete Simonsohn dem hr, “denn der kann gar nichts für Auschwitz – das war nicht Gott, sondern es waren die Menschen, die das gemacht haben! ”
Der kleinen freundlichen Dame sieht man nicht an, was sie erlebt hat. Sie strahlt gleichsam von innen heraus und mag Witze gern. Menschen ohne Humor sind ihr ein Graus – wie solle man die Welt mit ihren Widersprüchen denn anders ertragen, meint sie und lacht. Diese versöhnende, dem Leben trotz allem zugewandte Art machte sie zu der gefragten Vermittlerin von Geschichte, die sie ist.
Geboren wurde sie 1921 in Olmütz in der damaligen Tschechoslowakei. Ihr Vater war Getreidehändler von Beruf, die Mutter führte einen Hutladen und war für damalige Verhältnisse sehr emanzipiert. Trude Gutmann, wie sie damals noch hieß, wuchs behütet auf, wurde zu Toleranz und Selbstbewusstsein erzogen.
Sie schloss sich einer zionistischen Jugendgruppe an, die zu einer zweiten Familie wurde und unter dem Eindruck weltweiter Verfolgung die Gründung eines eigenen Staates Israel zum Ziel hatte. Mit 17 absolvierte sie einen Kurs beim Roten Kreuz: Sie wollte Menschen heilen, wieder “gesund machen”. Ein Jahr später, am Tag des Einmarschs deutscher Truppen in Polen, wurde ihr Vater verhaftet und ins KZ Buchenwald verschleppt.
Simonsohn kam erst 1942 ins Gefängnis. Ein Spitzel denunzierte sie als “Kommunistin”, obwohl sie ja Zionistin war – eine beinahe tödliche Fehlinformation, denn Kommunisten erschossen die Nazis in der Regel gleich.
Simonsohn wurde von einem Gefängnis in ein anderes transportiert. In Brünn musste sie stundenlang im Gefängnishof mit dem Gesicht zur Wand stehen und wurde doch nicht erschossen. An den letzten vier Wochen Einzelhaft zerbrach sie fast. Sie musste erfahren, dass der Vater im KZ Dachau gestorben war, die Mutter nach Theresienstadt deportiert. “Da habe ich gedacht”, erzählte Simonsohn, “dass es sowieso niemanden gibt auf der Welt, für den es wichtig ist, dass ich noch lebe. ” Mit gerade mal 21 Jahren wollte sie nicht mehr leben.
Warum es dennoch weitergegangen ist? “Weil es immer wieder Menschen gegeben hat, die mir geholfen haben”, antwortete die alte Dame: “Da war der tschechische Maurer auf dem Gerüst gegenüber meiner Zelle, der jeden Tag auf mich eingeredet hat. Und der Bankräuber in der Zelle über mir, der mir immer wieder Mut gemacht hat und auf Tschechisch gerufen hat: ‘Gib nicht auf! Der Hitler wird draufgehen und du wirst leben!'” Er hatte Recht.
So überstand sie Haft und Depressionen. Sie wurde nach Theresienstadt deportiert, dann nach Auschwitz, zusammen mit ihrem späteren Mann Berthold Simonsohn. Der war gerade mal 31 Jahre jung, Jurist und im Widerstand aktiv. Sie verliebte sich sofort. Bei ihm habe es etwas länger gedauert, kein Zweifel, meinte Simonsohn.
Beide überlebten die Konzentrationslager, fanden sich nach dem Krieg wieder und gründeten eine Familie. Sohn Mischa wurde 1951 geboren, fünf Jahre später zogen die Simonsohns nach Frankfurt und bauten die jüdische Gemeinde dort mit auf, vor allem die Sozialarbeit. Mit 66 starb “Bertl”, wie Simonsohn ihren Mann liebevoll nannte. Der Tod kam unerwartet. “Da habe ich sieben Jahre lang nicht mehr gelebt”, sagte sie, “sondern nur noch funktioniert”.
Ihre Trauerarbeit bestand darin, rauszugehen in Schulen und Vortragssäle: Seit fast 40 Jahren erzählt Simonsohn ihre Geschichte, auch wenn es ihr schwer fällt, beim Erzählen immer wieder zu durchleben, was damals war und bis heute auf ihre Seele drückt.
Veröffentlicht am 15.10.16 um 09:54 Uhr
Quelle: Benedikt Fischer (horizonte), epd

© Source: http://hessenschau.de/gesellschaft/ehrenbuergerin-trude-simonsohn-drang-zur-versoehnung,trude-simonsohn-100.html
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