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Mit WikiLeaks und Transparenzdenken inspirierte Julian Assange libertäre Parteien und Menschen weltweit. Zehn Jahre später ist davon nicht mehr viel übrig.
Julian Assange macht wieder
Schlagzeilen. Aber wie unterscheiden sie sich doch von denen, die ihn vor zehn
Jahren weltweit bekannt gemacht haben. Damals war er ein politischer Erneuerer,
Frontmann der Nerds, der erste Hacker unter Gleichen – und ein Weltverbesserer.
Damals hat Assange die
Plattform WikiLeaks gegründet, er wollte sie zum sicheren Hafen für Menschen
machen, die von großem Unrecht wissen, aber um ihr Leben fürchten müssen, wenn
sie es persönlich enthüllen. Das sollte WikiLeaks übernehmen. Für Gerechtigkeit
streiten. So kam die Plattform unter anderem zu Dokumenten, die Untaten des
US-Militärs aufdeckten.
In jener Zeit orientierten
sich viele Piraten-Parteien in ganz Europa an Assange. Er inspirierte sie: Er
war libertär – sie waren es auch. Er glaubte an Transparenz, das Ende
politischer Geheimniskrämerei und die demokratisierende Kraft der digitalen
Technik. Die meisten Piraten glaubten es auch. Julian Assange inspirierte
Edward Snowden, durch den die Welt erfuhr, wie es um die Sicherheit der digitalen
Infrastruktur bestellt ist. Ohne Assange gäbe es vielleicht keinen Snowden und weitere, hochrangige Whistleblower.
Doch als wäre das politische
Schicksal der Piraten-Parteien mit dem persönlichen von Julian Assange
verbunden, sind sie inzwischen aus praktisch allen Parlamenten und dem Zentrum
der Debatte verschwunden. Die Piraten als Erneuerer der Gesellschaft? Es gibt
sie nicht mehr. Assange als Erneuerer und Weltveränderer? Ist erledigt. Auf
eine triste Art symbolisiert der Mann den Aufstieg und Niedergang einer
politischen Bewegung.
Heute ist Assange einer, der
in den Nachrichten auftaucht, weil die schwedische Justiz nicht mehr gegen ihn
wegen eines Verdachts auf Vergewaltigung ermittelt. Immer wieder hatte er
behauptet, die Schweden würden nur gegen ihn ermitteln, weil die Amerikaner es
so fingiert hätten, damit die Schweden den Hacker erst festsetzen und dann in
die USA ausliefern. Nun ist er einer Verschwörungstheorie beraubt.
Andererseits ist Assange erfinderisch. Er wird sicher mit einer neuen Verschwörungstheorie um die Ecke kommen. Schließlich
ist er ein Opfer der USA, wie er sagt. Kleiner geht es bei ihm nicht. Da mögen alle
Anzeichen darauf hindeuten, dass er sich von Russland hat benutzen lassen, um in den US-amerikanischen Wahlkampf einzugreifen. Die Plattform
WikiLeaks veröffentlichte E-Mails der Demokratischen Partei, die Hacker zuvor
erbeutet hatten. Spuren wiesen damals zum russischen Geheimdienst. Der Inhalt
legte nichts Nennenswertes offen, das Leak verbesserte die Welt nicht. Es
beschädigte aber die demokratische Spitzenkandidatin Hillary Clinton und ein Dutzend
Politiker und Politikerinnen ihrer Partei. Julian Assange half Donald Trump.
Es ist ein Phänomen, das oft
bei abgehalfterten Rockstars zu beobachten ist. Irgendwann schlägt Genie in
Zerstörung um. Und in Selbstzerstörung. Das Publikum trauert, erschauert – und kann den Blick doch nicht wenden.
Fast in Vergessenheit ist
darüber geraten, dass es ein bewahrenswertes politisches Erbe von Assange in
Europa gibt: und zwar in Island. Die politisch erfolgreichste Piratin, Birgitta Jónsdóttir, und der frühere Hacker haben nach der Finanzkrise mehrere isländische
Reformgesetze entworfen. Es ging nicht um eine Regulierung der Banken, sondern
um die für Assange und die Piraten so typischen Themen: den Schutz von
Informanten, Datensicherheit, den Schutz der Bürger vor dem Staat. Einige
dieser Ideen wurden in den nachfolgenden Jahren tatsächlich Gesetz. Und dienen
bis heute als Vorbild.
Doch so nah sie einander
früher standen, so fern sind sich Jónsdóttir und Assange heute. Wenn man so
will sind sie inzwischen Sonne und Schatten, Himmel und Hölle der
Nerd-Bewegung. Aber das ist bei neuen politischen Bewegungen immer wieder zu
beobachten. Dass sich leidenschaftliche Weltverbesserer treffen, zusammenfinden
– aber einige von ihnen dann abdriften. Ins Bodenlose fallen. Bei Assange ist
der Boden noch nicht in Sicht, daran ändern auch die Nachrichten aus Stockholm nichts.

© Source: http://www.zeit.de/digital/internet/2017-05/julian-assange-wikileaks-einfluss-fall
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