<!--DEBUG:--><!--DEBUG:dc3-deutschland-mix-in-german-pdf-2--><!--DEBUG:--><!--DEBUG:dc3-deutschland-mix-in-german-pdf-2--><!--DEBUG-spv-->{"id":1301462,"date":"2018-12-14T23:59:00","date_gmt":"2018-12-14T21:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nhub.news\/?p=1301462"},"modified":"2018-12-15T00:07:01","modified_gmt":"2018-12-14T22:07:01","slug":"der-wahrnehmungsfetischist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nhub.news\/de\/2018\/12\/der-wahrnehmungsfetischist\/","title":{"rendered":"Der Wahrnehmungsfetischist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Von den T\u00fccken des Gelingens und vom Scheitern als Lebenskunst: Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist im Alter von 75 Jahren gestorben.<\/b><br \/>\nAls Wilhelm Genazino vor ein paar Jahren seine Manuskripte, Fotos, Korrespondenzen und Tageb\u00fccher dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach \u00fcbergab, bekannte er, seit l\u00e4ngerer Zeit bereit daf\u00fcr zu sein, \u201emich an mein Verschwinden als Autor und Person zu gew\u00f6hnen.\u201c Genazino stand zu dieser Zeit kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahrs, da kann man so eine Aussage schon einmal machen &#8211; und doch k\u00f6nnte das genau so gut einer seiner zumeist in der Mitte ihres Lebens sich befindenden Romanhelden gesagt haben.<br \/>Einer der vielen Melancholiker, Scheiterer und Ungl\u00fccksraben, die Genazinos Romanwelt bev\u00f6lkern, in der Regel M\u00e4nner, ganz selten auch Frauen, die sich in allerlei Alltagsn\u00f6ten befinden. Die diese aber mit einer gewissen Gelassenheit ertragen: Das Scheitern erheben sie zu einer Lebenskunst. So wie zum Beispiel Gerhard Warlich, der 41-j\u00e4hrige Leiter einer Gro\u00dfw\u00e4scherei, aus \u201eDas Gl\u00fcck in gl\u00fccksfernen Zeiten\u201c, der irgendwann in der Psychiatrie landet und konstatiert: \u201eIch wundere mich, warum meine Melancholie und der Rest der Welt so gut zueinander passen.\u201c<br \/>Dass das Gl\u00fcck nicht unbedingt zum Leben dazu geh\u00f6rt, genauso wenig wie eine \u201ejederzeit verf\u00fcgbare Lustigkeit\u201c, es immer gelte, \u201eder herrschenden Gl\u00fcckssucht\u201c etwas entgegenzusetzen, das geh\u00f6rte zu den Maximen des Schriftstellers Wilhelm Genazinos. Diese schien er umso mehr zu vertreten, nachdem er 2001 durch das damals noch sehr einflussreiche Literarische Quartett f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Publikum mit dem Roman \u201eEin Regenschirm f\u00fcr einen Tag\u201c entdeckt worden war und drei Jahre sp\u00e4ter mit dem Georg-B\u00fcchner-Preis auch die h\u00f6chste literarische Auszeichnung des Landes verliehen bekommen hatte.<br \/>Seine Reaktion darauf war zur\u00fcckhaltend. Nat\u00fcrlich war er verbl\u00fcfft, auch begeistert. Doch fragte er sich, warum ausgerechnet er ausgew\u00e4hlt worden sei, denn \u201edie B\u00fccher, die ich jetzt schreibe, \u00e4hneln denen vor 15 Jahren\u201c, wie er seinerzeit in einem Interview bekannte. Oder auch denen, k\u00f6nnte man sagen, die danach in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit alle zwei, drei Jahre und mit einem maximalen Umfang von 150,160 Seiten folgen sollten.<br \/>Eingeschrieben in die bundesrepublikanische Literaturgeschichte hatte Wilhelm Genazino sich schon Ende der siebziger Jahre mit einer Trilogie \u00fcber den Angestellten einer Spedition mit dem sch\u00f6nen Namen Abschaffel. Diese Trilogie steht noch in realistisch-engagierter Tradition. Sie machte Genazino nach Martin Walser zum prototypischen Angestellten-Roman-Autor, weist aber genau so schon viele Spuren des Wahrnehmungsfetischismus auf, der Genazino sp\u00e4ter so bekannt machen sollte.<br \/>Tats\u00e4chlich geriet der 1943 in Mannheim geborene und in Frankfurt lebende Schriftsteller nach der Ver\u00f6ffentlichung der \u201eAbschaffel\u201c\u2013Trilogie in eine Schreibkrise. Mit \u201eDie Ausschweifung\u201c und \u201eFremde K\u00e4mpfe\u201c ver\u00f6ffentlichte er in den fr\u00fchen achtziger Jahren zerrissene, zwischen viel Handlung und vielerlei Reflexionen pendelnde, eher unbeachtete Romane.<br \/>Erst mit dem 1989 erschienenen, aus vielen Prosaminiaturen bestehenden K\u00fcnstlerroman \u201eDer Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz\u201c fand Genazino wieder seine Form. Darin hei\u00dft es einmal: \u201eWas wir brauchen ist eine Theorie der Verborgenheit. Der Grundgedanke k\u00f6nnte sein, dass das Subjekt die Gesellschaft beobachten darf, diese aber nicht das Subjekt.\u201c Was man als Pl\u00e4doyer verstehen konnte f\u00fcr das frei umherschweifende In-Sich-Aufnehmen der Au\u00dfenwelt, f\u00fcr Introspektion, f\u00fcr die lang andauernde, pr\u00e4zise Beobachtung der Dingwelt.<br \/>So wie es ein anderer Erz\u00e4hler Genazinos aus \u201eDie Liebe zur Einfalt\u201c auf den Punkt bringt, auf einen Punkt, der Poetologie wie Weltanschauung dieses Autors gleicherma\u00dfen trifft, \u201edass es au\u00dfer dem Leben immer auch die Betrachtung des Lebens gab und dass das Verh\u00e4ltnis der Betrachtung zum Betrachteten eine Form der Erholung war.\u201c<br \/>Wilhelm Genazino hat es in seinen dem Flanieren huldigenden Romanen verstanden, kleine Dinge bedeutsam zu machen, und mitunter seltsamste Betrachtungen angestellt. Zu den vielzitierten \u201eGesamtmerkw\u00fcrdigkeiten des Lebens\u201c, wie der Erz\u00e4hler aus \u201eEin Regenschirm f\u00fcr einen Tag\u201c sein Leiden nennt, wie er die Vielzahl seiner kleinen und mittleren Ungl\u00fccke (Frau hat ihn verlassen, Arbeitslosigkeit etc.) zusammenfasst, kommen stets die Merkw\u00fcrdigkeiten des Alltags dazu.<br \/>So fand es Genazino wichtig, dass ein St\u00fcck Torte zu stehen hat, nicht zu liegen. Oder er beobachtete, wie sich ein Vogel beim Picken von Resten auf Restauranttischen mit Ketchup bekleckert und das von den Menschen laut johlend verfolgt wird, \u201eals w\u00e4re dem Tier eine besondere Nummer gelungen\u201c. Oder er l\u00e4sst einen seiner Helden \u201edie T\u00fccken des Scheiterns\u201c schon dadurch erfahren, dass dieser einen scheinbar in der Post liegengelassenen Rosenstrau\u00df mitnehmen will, um ihn seiner Frau zu schenken, dann aber von einem Schalterbeamten zur\u00fcckgepfiffen wird: \u201eDie Blumen k\u00f6nnen sie doch nicht einfach mitnehmen! Bestimmt kommt gleich jemand zur\u00fcck, dem die Rosen wirklich geh\u00f6ren, also!\u201c<br \/>In seine letzten Romane schlich sich zunehmend mehr Kultur- und Gesellschaftspessimismus, da wurden die Ausw\u00fcchse des modernen Lebens nicht nur betrachtet, sondern auch heftig kritisiert: die \u201eSponsoren\u2013Kultur\u201c, \u201edie Zivilisations-Apokalypse\u201c oder dass auf den Stra\u00dfen kaum noch Menschen ohne Rucks\u00e4cke, Smartphones, Tablet-Computer oder sonst irgendwas herumlaufen, wie Genazino in seinem autobiografischen Buch \u201eTarzan am Main\u201c beklagt hat. ( Was ihn prompt mit \u201eAu\u00dfer uns redet niemand \u00fcber uns\u201c einen Roman schreiben lie\u00df, in dem die digitale Gegenwart betont ausgeblendet wird).<br \/>Trotzdem d\u00fcrfen seine Helden immer tapfere Gl\u00fcckssucher sein, ist ihr Scheitern manchmal ein heiteres, hat zumindest Genazino aus seinen Trostlosigkeitsromanen f\u00fcr seine Leser- und Leserinnen Begl\u00fcckungsromane gemacht. Allein deren Titel sind eine Klasse f\u00fcr sich: \u201eDie Liebesbl\u00f6digkeit\u201c. \u201eMittelm\u00e4\u00dfiges Heimweh\u201c. Oder, wie sein letzter, in diesem Jahr ver\u00f6ffentlichter Roman hei\u00dft: \u201eKein Geld, keine Uhr, keine M\u00fctze\u201c.<br \/>Dass viele seiner Romane sich \u00e4hneln, hat Genazino nie gest\u00f6rt. Denn gleicherma\u00dfen Ansporn wie Drohung war es f\u00fcr ihn, so hei\u00dft es in \u201eDie Liebe Zur Einfalt\u201c, \u201edass wir unsere eigene Geschichte immer wieder erz\u00e4hlen m\u00fcssen und nach jedem Erz\u00e4hlen glauben, wir h\u00e4tten sie noch nicht richtig erz\u00e4hlt. So fangen wir immer wieder von neuem an, unsere Geschichte zu erz\u00e4hlen, ohne je der noch viel f\u00fcrchterlicheren Gewissheit zu entgehen, dass wir sterben werden, ohne unsere Geschichte wenigstens einmal vollst\u00e4ndig und vollst\u00e4ndig richtig erz\u00e4hlt zu haben.\u201c Am vergangenen Mittwoch ist Wilhelm Genazino nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren verstorben.<\/p>\n<script>jQuery(function(){jQuery(\".vc_icon_element-icon\").css(\"top\", \"0px\");});<\/script><script>jQuery(function(){jQuery(\"#td_post_ranks\").css(\"height\", \"10px\");});<\/script><script>jQuery(function(){jQuery(\".td-post-content\").find(\"p\").find(\"img\").hide();});<\/script>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den T\u00fccken des Gelingens und vom Scheitern als Lebenskunst: Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist im Alter von 75 Jahren gestorben. 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