<!--DEBUG:--><!--DEBUG:dc3-united-states-mix-in-english-pdf-2--><!--DEBUG:--><!--DEBUG:dc3-united-states-mix-in-english-pdf-2--><!--DEBUG-spv-->{"id":1850144,"date":"2021-02-28T18:00:00","date_gmt":"2021-02-28T16:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nhub.news\/?p=1850144"},"modified":"2021-02-28T18:12:37","modified_gmt":"2021-02-28T16:12:37","slug":"ich-hasse-mein-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nhub.news\/ru\/2021\/02\/ich-hasse-mein-leben\/","title":{"rendered":"&quot;Ich hasse mein Leben&quot;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Gewalt, Angst und Geldsorgen bestimmen ihr Leben: Sozial benachteiligte Kinder und Familien k\u00e4mpfen unter erschwerten Voraussetzungen mit der Pandemie. Die Einrichtung &#171;Die Arche&#187; versucht zu helfen, st\u00f6\u00dft jedoch an ihre Grenzen.<\/b><br \/>\nGewalt, Angst und Geldsorgen bestimmen ihr Leben: Sozial benachteiligte Kinder und Familien k\u00e4mpfen unter erschwerten Voraussetzungen mit der Pandemie. Die Einrichtung &#171;Die Arche&#187; versucht zu helfen, st\u00f6\u00dft jedoch an ihre Grenzen. Heute ist Porserins Lieblingstag der Woche. Die Neunj\u00e4hrige sitzt an einem Holztisch in der Arche in Berlin-Hellersdorf, als eines von nur 15 Kindern, die an diesem Tag in das ehemalige Schulgeb\u00e4ude kommen d\u00fcrfen. Mit dem Ellenbogen auf dem Tisch gelehnt, streicht sie ihre langen Haare zur\u00fcck. Schwarze Wimpern umranden ihre hellblauen Augen, die \u00fcber ihrer Medizinmaske neugierig hervorschauen. Sie blickt durch den halb leeren Raum. Fr\u00fcher war sie fast jeden Tag in der Arche, jetzt darf sie nur noch einmal die Woche kommen. &#171;Wegen Corona&#187;, sagt sie und zuckt mit den Achseln. F\u00fcr Porserin bedeutet das: viel zu Hause sein, viel allein sein. &#171;Im ersten Lockdown schien die Sonne noch, mit dem zweiten kamen die Wolken und die fr\u00fche Nacht. Das schl\u00e4gt aufs Gem\u00fct&#187;, sagt Bernd Siggelkow. Der Pastor hat 1995 in Berlin-Hellersdorf die erste Arche gegr\u00fcndet, ein Hilfswerk gegen Kinderarmut. Mittlerweile gibt es landesweit 27 Einrichtungen. Vor der Pandemie betreute er rund 350 Kinder in der Zentrale in Hellersdorf, jetzt sind es nur noch 150, weil die Gruppen verkleinert werden mussten. Jedes Kind darf nur noch alle 10 bis 14 Tage kommen. &#171;F\u00fcr die Kleinen ist das eine lange Zeit&#187;, sagt Siggelkow. Er ist f\u00fcr viele dort der Ersatzpapa, der zuh\u00f6rt, wenn es kein anderer tut. F\u00fcr Porserin ist die Arche der letzte Ort, an dem sie noch mit ihren Freunden spielen kann. Zwar darf sie seit Anfang der Woche wieder in die Grundschule gehen. Normalit\u00e4t kehrt deswegen aber noch nicht zur\u00fcck. Zu Hause sei sie oft stundenlang mit ihren drei Br\u00fcdern allein, ihre Eltern m\u00fcssen arbeiten. Der Kleine ist 6, die anderen 15 und 16 Jahre alt. &#171;Wir haben richtig viele Probleme und kommen nicht allein klar&#187;, erz\u00e4hlt sie. Kochen habe sie von ihrer Mutter gelernt, Salat und Nudeln k\u00f6nne sie schon machen, nur auf den Herd muss sie noch aufpassen, wegen der langen Haare. Manchmal geht sie mit ihren Br\u00fcdern raus, l\u00e4uft rum, &#171;mehr kann man nicht machen&#187;. Au\u00dferdem passe sie auf, dass die Klamotten nicht dreckig werden. &#171;Meine Mutter kann zurzeit nicht alle unsere Sachen waschen.&#187; In Deutschland leben knapp drei Millionen Kinder und Jugendliche in Armut. F\u00fcr sie ist die Lage besonders angespannt. Meist wohnen sie mit ihren Geschwistern und Eltern in kleinen, g\u00fcnstigen Wohnungen mit wenig Platz. In dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist dazu die Zahl der Alleinerziehenden mit 40 Prozent in der Hauptstadt am h\u00f6chsten. Siggelkow beschreibt die Situation als dramatisch: Kinder sind immer abgeh\u00e4ngter in Gesellschaft und Schule, Eltern sind mit mehreren Kindern alleine \u00fcberfordert, nicht selten kommt es zu Gewalt. Im zweiten Lockdown sei es noch schlimmer geworden. &#171;Wir machen nur noch Schadensbegrenzung.&#187; Dass die Pandemie Kindern und Jugendlichen zusetzt, zeigten schon zahlreiche Untersuchungen aus dem ersten Lockdown. Forscher des Universit\u00e4tsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) befragte in ihrer &#171;Copsy-Studie&#187; im Mai und Juni 1500 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren mit alarmierendem Ergebnis: 71 Prozent der Kinder f\u00fchlen sich psychisch belastet, sind \u00e4ngstlicher, schneller gereizt oder niedergeschlagen und machen sich mehr Sorgen.65 Prozent erleben Schule und Lernen anstrengender als zuvor und 39 Prozent gaben an, dass sich durch den mangelnden Kontakt das Verh\u00e4ltnis zu ihren Freunden verschlechtert. Siggelkow kann den Stress und die Angst in den Familien best\u00e4tigen, sagt aber auch, dass die wirklich schweren F\u00e4lle in den Studien \u00fcberhaupt nicht auftauchen. Aus Scham nehmen Kinder und Familien aus \u00e4rmeren Schichten nicht an solchen Befragungen teil. Stattdessen erlebe er die Folgen des Lockdown hautnah mit: Wenn ihn nachts ein Kind anruft, weil die Schwester die T\u00fcr einschl\u00e4gt. Oder wenn er bei Whatsapp Nachrichten bekommt, wie diese: &#171;Ich hasse mein Leben.&#187; Dann muss Siggelkow sofort reagieren. In der Regel sei es wie Ritzen: ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Aber da beginne schon die Gefahr. &#171;Wenn das Kind nach Hilfe ruft und keiner zuh\u00f6rt, was viele nicht tun, ist die Frage, was mit dem Kind passiert.&#187; Etwa 90 Prozent der Kinder und Familien in der Arche k\u00f6nnen Siggelkow und sein Team gut auffangen, bei 10 bis 15 Prozent m\u00fcssen sie regelm\u00e4\u00dfig nachschauen, ob alles in Ordnung ist. &#171;Wir haben auch sehr harte F\u00e4lle. Gl\u00fccklicherweise nicht die breite Masse, sonst w\u00fcrde das System hier wahrscheinlich zusammenbrechen.&#187; Manchmal m\u00fcssten sie das Jugendamt einschalten, zum Beispiel bei h\u00e4uslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch. &#171;Es ist zurzeit sicherer durch einen dunklen Park zu laufen, als in manchen Familien zu Hause zu sein.&#187; Auch zwischen den Kindern entl\u00e4dt sich der Frust. Weil sie aus Langeweile die meiste Zeit vor Bildschirmen h\u00e4ngen, nehme Onlinemobbing massiv zu. Kinder schrieben einander: &#171;Wenn ich dich das n\u00e4chste Mal sehe, dann t\u00f6te ich dich.&#187; Siggelkow vermutet, dass sie nicht mehr wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Monate ohne soziale Kontakte und etliche Stunden am Handy haben Spuren hinterlassen. Auch k\u00f6rperlich leiden die Kinder unter dem Bewegungsmangel. Viele werden immer dicker, auch weil sie sich falsch ern\u00e4hren. Siggelkow sch\u00e4tzt, dass in den vergangenen Monaten rund 30 Prozent der Kinder in der Arche mehr als 25 Kilo zugenommen haben. Doch es k\u00f6nnten auch mehr sein. &#171;Das sehen wir erst, wenn alle Schulen wieder \u00f6ffnen und die Kinder keine Winterjacken mehr tragen.&#187; Die Folgen f\u00fcr die Gesundheit sind dramatisch: Das Risiko von Bluthochdruck und Schlaganf\u00e4llen steigt exponentiell an. Hochrechnungen aus Studien haben ergeben, dass Kinder, die zwischen vier und sechs Jahren bereits adip\u00f6s sind, es zu 90 Prozent auch noch mit 18 Jahren sein werden. Die tats\u00e4chlichen Langzeitfolgen kann niemand absch\u00e4tzen, au\u00dfer, dass die Lebensdauer dieser Kinder k\u00fcrzer sein wird. Vor der Pandemie gab es in der Schule und in der Arche ein warmes Mittagessen. Seit das entf\u00e4llt, fehlen den Familien zus\u00e4tzlich 250 Euro im Monat, weil die Kinder zu Hause essen m\u00fcssen. F\u00fcr eine Mahlzeit haben sie nur drei Euro zur Verf\u00fcgung. Der Griff zur T\u00fcte Chips ist billiger als Obst und Gem\u00fcse. Die Arche hat Familien w\u00e4hrend des Lockdowns deshalb mit Lebensmitteln, Spielsachen und Hygieneartikel versorgt. Vor Corona boten sie zudem f\u00fcr Eltern und Kinder Kochkurse an. Einmal fragte eine Mutter einen Mitarbeiter anschlie\u00dfend, ob er gewusst habe, dass Pommes aus Kartoffeln gemacht seien. Geldprobleme werden f\u00fcr viele zur Existenznot: Weil jeder st\u00e4ndig zu Hause hockt, schie\u00dfen Strom- und Heizkosten in die H\u00f6he, im Winter-Lockdown noch mehr als im vergangenen Sommer. Dazu kommen Ger\u00e4te wie Fernseher und Laptop, die in Dauerbenutzung sind. Die 300 Euro extra Kindergeld im September und Oktober, die vom Staat ausbezahlt wurden, h\u00e4tten die erh\u00f6hten Kosten nur ausgeglichen. Die erneuten 150 Euro Zuschuss vom Staat seien zwar sch\u00f6n, &#171;aber eigentlich ein Witz&#187;, sagt Siggelkow. Die Betriebskostenabrechnung am Ende des Jahres werden viele nicht bezahlen k\u00f6nnen, bef\u00fcrchtet er. Siggelkow kritisiert die Politik oft und scharf. Kein Politiker wehre sich gegen seine Kritik, gleichzeitig wolle auch niemand etwas \u00e4ndern, sagt er. &#171;Seit elf Monaten ist ein Schweigen der L\u00e4mmer in diesem Land.&#187; Das Hilfesystem sei total runtergefahren, viele Kinderhilfsstellen haben w\u00e4hrend der Pandemie gar nicht ge\u00f6ffnet. Siggelkow kritisiert auch die Transparenz der Beh\u00f6rden, insbesondere das Jugendamt. Sie seien nicht nah genug an den Familien dran, b\u00f6ten keine direkte Hilfe an. Die Menschen wissen oft nichts von den Hilfsangeboten, bef\u00fcrchten stattdessen, das Jugendamt wolle ihnen die Kinder wegnehmen. Einer der Orte, die f\u00fcr Kinder, Jugendliche und Eltern auch w\u00e4hrend der Pandemie ge\u00f6ffnet hat, ist die &#171;Nummer gegen Kummer&#187;. Ehrenamtliche Mitarbeiter stehen am Sorgentelefon bereit, um \u00fcber alles zu reden, was die Anrufer belastet. Doch das Angebot erreicht die sozial benachteiligten Familien oft nicht. Sprechzeiten gibt es nur tags\u00fcber. Siggelkow, der selbst Vater von sechs Kindern ist, bekommt Hilferufe dagegen meist nachts. Durch den chronischen Geldmangel h\u00e4tten viele Kinder zudem nie Geld auf dem Handy und k\u00f6nnen deswegen niemanden anrufen. Und selbst wenn, fehlt zu Hause meist der R\u00fcckzugsort, um unbemerkt von Gewalt oder sexuellen \u00dcbergriffen zu berichten. Sie verschicken Nachrichten bei Whatsapp, doch das bieten Sorgen-Hotlines aus Datenschutzgr\u00fcnden nicht an. Seit Ausbruch der Pandemie hat der Bezirk Marzahn-Hellersdorf in Berlin einen der niedrigsten Inzidenzwerte. &#171;Sie haben wahnsinnige Angst vor dem Virus&#187;, sagt Siggelkow. Sie seien es gewohnt, in \u00c4ngsten zu leben: Ihr ganzes Leben leiden sie unter Existenz\u00e4ngsten, bef\u00fcrchten, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, wenn sie einen Fehler machen, haben Angst vor einer Partnerschaft oder psychischer und physischer Gewalt. Gleichzeitig sind sie vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten: Sie verstehen nicht, was die Politik plant oder beschlie\u00dft. &#171;Wenn Merkel eine Regierungserkl\u00e4rung h\u00e4lt, \u00fcbersetze ich das f\u00fcr die Menschen hier in einfache Sprache&#187;, sagt Siggelkow. Die Angst \u00fcbertr\u00e4gt sich oft auf die Kinder. Acht- und Neunj\u00e4hrige sagen, dass sie nicht an Corona sterben wollen. &#171;Je l\u00e4nger die Pandemie anh\u00e4lt, desto schwieriger wird die Stimmung daheim.&#187; Irgendwann sei das nicht mehr aufzufangen, warnt Siggelkow. Auch Porserin hat Angst. Davor, dass das Virus noch lange bleibt. &#171;Manche hatten 2020 die Hoffnung, dass Corona 2021 weggeht.&#187; Sie ist entt\u00e4uscht, dass das nicht passiert ist. Kommt dann die erwartete dritte Welle, bewahrheitet sich ihre Angst. Dann k\u00f6nnten Schulen wieder schlie\u00dfen und Porserin ist mit ihren Br\u00fcdern wieder allein daheim.<\/p>\n<script>jQuery(function(){jQuery(\".vc_icon_element-icon\").css(\"top\", \"0px\");});<\/script><script>jQuery(function(){jQuery(\"#td_post_ranks\").css(\"height\", \"10px\");});<\/script><script>jQuery(function(){jQuery(\".td-post-content\").find(\"p\").find(\"img\").hide();});<\/script>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewalt, Angst und Geldsorgen bestimmen ihr Leben: Sozial benachteiligte Kinder und Familien k\u00e4mpfen unter erschwerten Voraussetzungen mit der Pandemie. Die Einrichtung &#171;Die Arche&#187; versucht zu helfen, st\u00f6\u00dft jedoch an ihre Grenzen. 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