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Martin Walser und sein neuer Roman: Es geht ihm ein bisschen zu gut

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NewsHubEinen Rahmen sollte es wohl doch geben für dieses „entfesselte“ Schreiben „am Rand der Formlosigkeit“, wie der Rowohlt Verlag Martin Walsers an diesem Donnerstag erscheinendes neues Buch angekündigt hat. Auf dem Cover sieht man ihn goldfarben leuchten, gerahmt wird damit jedoch nichts als eine „leere, musterlose Wand“. Die stellt wiederum eines der Leitmotive dieses Buches dar: den Sehnsuchtsort des Schriftstellers Walser, des Ich-Erzählers, wenn man denn will, der sich seinerseits von allem befreien möchte, der „unfassbar sein“ will wie „die Wolke, die schwebt“ oder wenigstens „eine blühende Wiese“. Unter diesem goldfarbenen Rahmen auf dem Cover steht der kryptische Titel „Statt etwas oder Der letzte Rank“, wobei Rank, das wird eingangs mithilfe des Grimmschen Wörterbuchs erläutert, Wendung, Drehung bedeutet. Unter dem Titel wiederum gibt es einen weiteren Rahmen, einen gattungstechnischen in Form des Wörtchens „Roman“.
Nun ist dieser Begriff ein inzwischen recht weit gesteckter, werden doch alle möglichen erzählerischen Hervorbringungen als Roman bezeichnet, von Autobiografien bis Sachbüchern. Im Fall dieses Buchs fragt man sich aber schon, was das soll? Zumal Walser seit seinem Romandebüt „Ehen in Philippsburg“ 1957 jahrzehntelang als vornehmlich genuiner Erzähler und Romanautor die größten Erfolge hatte und beispielsweise seine drei autobiografischen Meßmer-Bücher ohne Gattungsbezeichnung ausgekommen waren. „Statt etwas oder Der letzte Rank“ muss man vor allem als Ergänzung zu den Walser-Tagebüchern „Leben und Schreiben“ lesen, mehr noch vielleicht als viertes Meßmer-Buch.
Es ist weniger aphoristisch, weniger sentenzenmäßig als diese, klar, versammelt aber auch größtenteils Gedanken und aktuelle Stimmungen des Schriftstellers, der am 24. März 90 Jahre alt wird, inklusive der Vergegenwärtigung vergangener Kämpfe, Gegner- und Feindschaften. Auch inklusive bezeichnender, mitunter lustiger Träume so wie jenem, in dem Walser mit Jean-Paul Sartre auf einem Bahnhof in Utrecht sitzt und auf eine Pepsi-Cola-Werbung starrt. Um es mit einem Satz aus Walsers 1985 veröffentlichtem Buch „Meßmers Gedanken“ zu sagen: „Das Schönste muss sein, etwas aus sich herauszubringen, ohne dass man von außen viel braucht.“
Das braucht es erst recht nicht, wenn hier jemand gleich zu Beginn anhebt mit den Worten: „Mir geht es ein bisschen zu gut“ – was sich zumindest in den nächsten Wochen wieder erleben lässt.

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