Bei der Graduierungsfeier der Eliteuniversität Harvard wird Angela Merkel als Kontrahentin von Trump gefeiert. Doch manche Kontur der Kanzlerin ist unscharf. Ihr 35-minütiger Vortrag, für den sie eigens an die amerikanische Ostküste geflogen ist, wirkt auf drei Ebenen.
Der Satz ist wirklich gut. Er klingt ein bisschen nach John F. Kennedy und jedenfalls sehr amerikanisch. Er drückt Zuversicht und Optimismus aus im Gegensatz zur Rhetorik der Angst und des Hasses, die derzeit in Washington Konjunktur hat. „Fragen wir nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war“, ruft Angela Merkel ihren Zuhörern auf dem Campus der Universität Harvard zu: „Fragen wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde!“ Das Publikum klatscht kräftig Beifall.
Die Rede der deutschen Bundeskanzlerin ist zweifelsohne der Höhepunkt der diesjährigen Graduierungsfeier der traditionsreichen Eliteschmiede. Mehr als 20.000 Menschen sind gekommen, um einen Tag lang mit den diesjährigen Absolventen zu feiern. Man trägt Talar, Anzug oder auch Freizeitlook. Die Menge ist kultiviert, globalisiert, offen und in den jüngeren Jahrgängen extrem divers. Es ist ein Freudenfest des anderen Amerika, das Angela Merkel als Verbündete und moralische Führerin der freien Welt begrüßt.
Mag die Kanzlerin in Deutschland in jüngster Zeit bisweilen abwesend gewirkt haben: Für die liberalen Eliten der USA steht sie im Zenit ihrer Macht. Bei so viel Euphorie kann es zu Spiegelungen und Projektionen kommen – so etwa, als Margaret Wang, die Vorsitzende der Ehemaligenvereinigung, in ihrer Eloge hervorhebt, Merkel habe während ihrer 14-jährigen Amtszeit die Energiewende eingeleitet, den Mindestlohn eingeführt, die Ehe für Alle ermöglicht und die Grenzen für mehr als eine Million Menschen geöffnet.
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Angesichts der Pirouetten der CDU-Politikerin beim Atomausstieg und ihres Neins bei der Ehe-Abstimmung klingt das nun doch ein bisschen schräg, ganz davon abgesehen, dass der Mindestlohn vom sozialdemokratischen Koalitionspartner durchgesetzt wurde und die Flüchtlingspolitik inzwischen in Merkels eigener Partei höchst kritisch diskutiert wird.