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Russland: Ein Kollaps der Wirtschaft ist nach drei Jahren Ukraine-Krieg möglich

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Ein Gespräch mit dem Ökonomen Andrei Jakowlew über wachsende Spannungen in Russland, die schwindende Finanzkraft des Kremls – und darüber, wie Putin reagiert.
Ein Gespräch mit dem Ökonomen Andrei Jakowlew über wachsende Spannungen in Russland, die schwindende Finanzkraft des Kremls – und darüber, wie Putin reagiert.Die Preise steigen schnell in Russland, das Militär saugt Ressourcen auf: Strassenszene in Moskau.
Herr Jakowlew, am 24. Februar 2022 ist Russland in die Ukraine einmarschiert. Trotz drei Jahren Krieg hält sich die russische Wirtschaft erstaunlich stabil. Wird sie an einem gewissen Punkt zusammenbrechen?
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Besonders zu Beginn des Krieges prognostizierten viele Beobachter wegen der internationalen Sanktionen einen schnellen Kollaps der Wirtschaft. Auch russische Experten, selbst in der Regierung, erwarteten schlimme Konsequenzen. Das ist nicht passiert, die russische Wirtschaft hat sich viel besser geschlagen. Dies vor allem, weil sich Länder wie China, Indien und die Türkei nicht an den Sanktionen beteiligten.
Könnte es noch zu einem Kollaps kommen?
Ja, ein Kollaps der russischen Wirtschaft ist möglich. Schon jetzt geht es ihr nicht gut. Sie mag gut aussehen, wenn man offizielle Zahlen zum Wirtschaftswachstum oder zu den Realeinkommen anschaut. Aber angesichts der hohen Leitzinsen, der wachsenden Inflation und des ansteigenden Haushaltsdefizits lässt sich nicht von Stabilität reden. Selbst das Wirtschaftswachstum ist sehr ungleich verteilt, weil es sich auf die Rüstungsbranche und verwandte Sektoren konzentriert.
Wann würde ein Zusammenbruch erfolgen?
Das hängt von den finanziellen Möglichkeiten des Staates ab. Ein Grund für die lange Zeit anhaltende Stabilität waren die hohen zusätzlichen Einnahmen durch den Erdölexport. Der Ölpreis ist im Jahr 2022 stark gestiegen, und das Embargo auf russische Öllieferungen nach Europa wurde erst im Dezember 2022 verhängt. Aber es hängt auch davon ab, wie gut die Regierung und die Zentralbank die Lage bewältigen. Dank den Reserven, die über zwei Jahrzehnte angehäuft wurden, konnte der Kreml lange Zeit nicht nur den Krieg finanzieren, sondern auch alle Sozialverpflichtungen bezahlen. Das ist seit Herbst 2024 vorbei.
Dem Kreml geht das Geld aus?
Er muss Prioritäten setzen. Zum ersten Mal während Wladimir Putins Herrschaft sinken im Jahr 2025 die Sozialausgaben. Gleichzeitig werden die Militärausgaben weiter erhöht. 2025 sind es im Haushalt 25 Prozent mehr, nach einem Plus von 70 Prozent im Jahr 2024. Die wahren Ausgaben sind noch höher. Die Finanzierung der Rüstung entwickelt sich zunehmend zu einem schwarzen Loch, das der Wirtschaftsblock der Regierung nicht kontrollieren kann.
Die Sanktionen gegen Russland waren die härtesten Strafen, die der Westen je gegen eine Volkswirtschaft dieser Grösse erlassen hat. Waren sie wirkungslos?
Die Sanktionen gegen den Export westlicher Technologien sind wichtig. Aber Europa und die USA haben die Fähigkeit Chinas unterschätzt, als Lieferant in die Bresche zu springen. Jedes russische Unternehmen befürchtete nach Kriegsbeginn Versorgungsprobleme bei Komponenten. Aber schon im Sommer 2022 hatte sich das Problem oftmals gelöst. Ausserdem lieferten viele westliche Firmen weiter, nur indirekt über Mittelsmänner wie in der Türkei. Erst sekundäre Sanktionen der USA, die 2024 gegen Firmen und Banken in der Türkei, China und Asien verhängt wurden, haben etwas Wirkung gezeigt. Sie haben den Import viel teurer gemacht.
In Ihrer Forschung argumentieren Sie, die russische Volkswirtschaft habe gut auf die Kriegsprobleme reagieren können, weil sie eine Marktwirtschaft sei.

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